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Das Kunstpublikum wird in der Kunstgeschichte von einer
älteren und einer jüngeren methodischen Richtung erforscht: von der
Kunstsoziologie und von der Rezeptionsforschung. Die ältere Kunstsoziologie seit Friedrich Antal und Arnold Hauser hat dabei in der
Regel zweierlei Fragestellungen verfolgt: Welche Interessen hatten die
Auftraggeber der Kunst an Selbstdarstellung und Repräsentation? Wie war der
Kunstbetrieb, der auf die Bedürfnisse der Auftraggeber mit seinen
unterschiedlichen Produkten antwortete, technisch und sozial organisiert,
und welchen Status genoss der Künstler in diesem Betrieb und im Ganzen der
Gesellschaft? Das Publikum stand dabei nicht im Mittelpunkt der
Aufmerksamkeit. Allzu oft verschwommen seine Konturen zu denen einer
passiven Masse anonymer Betrachter - gleich ob diese nun den Status des
gebildeten Höflings oder den analphabetischer Betrachter genossen. Die
sozial bestimmbaren Interessen gingen dem Kunstwerk voraus, das nur insofern
analysiert wurde, als es auf diese antwortete.
Die jüngere Sozialgeschichte (Martin Warnke, Francis
Haskell u.a.) hat nicht nur die soziologischen Voraussetzungen der Kunst,
sondern auch die Rolle des Kunstwerks in der Gesellschaft behandelt. Die
Autonomie der Kunst, also ihre Unabhängigkeit von der Erfüllung
religiöser, kultischer oder politischer und damit unmittelbar sozialer
Funktionen, wurde selbst als sozialgeschichtliche Größe untersucht. Der
Hofkünstler als Vorläufer des modernen freien Künstlers einerseits und
andererseits der Sammler, der den Künstler nicht mehr unmittelbar in Dienst
nimmt, rückten in den Mittelpunkt des Interesses. Die Institutionen
autonomer Kunst, von der Fürstensammlung zum Museum, von der
Kunstbeschreibung und Kunsttheorie über die Kunstkritik zur Kunstgeschichte
als Universitätsfach, traten immer mehr ins Zentrum der Forschung.
Die Forschung über die kritische Rezeption des Kunstwerks
entstand erst, als die Sozialgeschichte jüngeren Datums ihre großen
Synthese-Leistungen vorstellte. Sie wandte sich auf zwei verschiedenen Wegen
dem Bezug des Werks zu seinen Betrachtern zu. Einerseits wurde untersucht,
wie der Betrachter als Adressat durch unterschiedliche bildnerische
Strategien im Werk selbst angesprochen, durch es beeinflusst, manipuliert
und sogar thematisiert wird. Andererseits wurde durch die Analyse von Texten
der Kunsttheorie und Kunstkritik analysiert, wie das Werk in den
unterschiedlichen histori-schen Phasen seiner Rezeption tatsächlich
"gelesen" und immer wieder neu interpretiert wurde. Beide Ansätze
griffen auf literaturwissenschaftliche Forschungen zurück. Der erste, der
den werkimmanen-ten Betrachterbezug in den Vordergrund stellt, fußte auf
der Erforschung der Geschichte der Rhetorik und trug von Seiten der
Kunstgeschichte die Rekonstruktion der Geschichte von Gestik, Mimik und
Physiognomik als herausragende rhetorische Bildsprachen bei. Bei der Analyse
von Historienmalerei spielte die Analogie zur historischen Dramentheorie
eine herausragende Rolle. Der zweite Ansatz, der die Rezeption anhand
historischer Texte erforschte, griff bei der Analyse der
sprachkünstlerischen Verfahren dieser Texte auf das methodische Repertoire
der Literaturwissenschaften zurück.
Das Publikum als die Gesamtheit der Adressaten eines
Kunstwerks ist eine Größe, die nur dann konkrete historische Konturen
annimmt, wenn es zugleich mit den Methoden der Kunstsoziologie und der
Rezeptionsgeschichte untersucht wird. Wenn das Publikum als
kunsthistorisches Paradigma in den Vordergrund des Interesses geraten ist,
so auch deswegen, weil beide methodischen Traditionen sich aufeinander zu
bewegen.
Diese methodische Interessenverschiebung antwortet auf die
gesteigerte gesellschaftliche Bedeutung des Bildes in den globalisierten
Medien. Längst ist klar geworden, dass Bilder nicht nur Interessen und
Mentalitäten spiegeln, sondern diese umgekehrt erzeugen. In der
Kunstsoziologie ist die Rolle der Kunst lediglich als Spiegel sozialer
Verhältnisse in den Hintergrund getreten. Die performative Rolle des
Bildes, das soziale Verhaltensdispositionen und Mentalitäten erzeugen kann,
steht angesichts der Medienlawine außer Frage. Entsprechend ist eine
Sozialgeschichte, die das Werk im Vordergrund aus seinem
sozialgeschichtlichen Hintergrund heraus "erklärt", obsolet
geworden. Stattdessen wird erforscht, wie Bilder als Teile einer diskursiven
Visualität in andere meinungs- und mentalitätsbildende Diskurse
eingreifen. Dieser oft mit dem Stichwort "cultural studies"
bezeichnete Wandel des sozial- und kulturgeschichtlichen Interesses hat sich
von jeglichem Bau- und Überbau-Schema emanzipiert; er erkennt die
Gleichwertigkeit unterschiedlicher sozialer, kultureller, politischer und
anthropologischer Diskurse an. Das Publikum und seine historischen
Wandlungen sind zu einem zentralen Paradigma der Kunstgeschichte geworden.
So wichtig die Erforschung des Publikums ist, sieht sie sich
doch mit der Schwierigkeit konfrontiert, die sich wandelnden
Rezipientenkreise, auf die das Kunstwerk wirkt, einigermaßen scharf zu
konturieren. Die oft phantomhafte Größe des Publikums kann nur durch
Zusammenspiel sozial- und rezeptionsgeschichtlicher mit medien- und
diskurshistorischen Methoden plausibel rekonstruiert werden. Historische
Publikumsforschung kann nur interdisziplinär gelingen, nur durch die
Kombination von Methoden, deren Ergebnisse wechselseitig kontrolliert
werden. Soll das Ergebnis der Verbindung unterschiedlicher Methoden keine
unverbindliche Mischung verschiedener Terminologien und
Argumentationsstrategien sein, müssen die auf getrennten Wegen erlangten
Ergebnisse kritisch gegeneinander gehalten werden. Sozialgeschichtliche und
rezeptionsgeschichtliche Herangehensweisen müssen sich in ihren
methodischen Voraussetzungen in Frage stellen, um der Problematik der
sozialen Performativität des Kunstwerks gewachsen zu sein. Die Tagung
verfolgt das Ziel, anhand ausgewählter Probleme historischer Interpretation
das methodische Instrumentarium der unterschiedlichen wissenschaftlichen
Traditionen zu überprüfen und es in gezielter Methodenvielfalt
polyperspektivisch zusammenzuführen. Ziel ist es, gemeinsam an einer
Kunstgeschichte zu arbeiten, die als Geschichtswissenschaft einen zentralen
Beitrag zur Erforschung der heute so übermächtig erkennbaren sozialen
Rolle von Bild und Kunst leisten kann.
Die im Folgenden genannten Fragestellungen und Themenkreise
sollen unterschiedliche Aspekte der Problematik zunächst getrennt
voneinander zur Diskussion stellen. Es geht dabei zunächst um zentrale
Fragestellungen der Kunstsoziologie wie auch der Rezeptionsforschung. Im
Anschluss daran soll die Debatte darüber eröffnet werden, ob und in
welcher Hinsicht beide Traditionen kunsthistorischer Forschung aufeinander
angewiesen sind und einander ergänzen, wenn es um die Beantwortung neuer,
kulturwissenschaftlicher Fragestellungen an die Geschichte von Bild und
Kunst geht.
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